Im Laufe der Chemotherapie sind auch bei mir einige Nebenwirkungen aufgetreten. So individuell wie die Behandlung sind auch die entsprechenden unerwünschten Nebeneffekte, die sich einstellen.

Die ersten und deutlich spürbaren Nebenwirkungen, die in meinem Fall aufgetreten sind, waren Übelkeit, Appetitlosigkeit sowie der vorübergehende Verlust des Geschmackssinns. Bereits am Folgetag der ersten intravenösen Gabe waren diese Effekte deutlich zu spüren. Erbrechen musste ich glücklicherweise nicht. Um das zu vermeiden, befand sich unter den zahlreichen Medikamenten, die ich bekommen habe, auch ein sogenanntes Antiemetikum, im konkreten Fall Zofran. Zu Essen war speziell während der ersten Tage eines Zyklus eher eine Überwindung. Der Verlust des Geschmackssinns war im ersten Zyklus am intensivsten. Für etwa drei Tage war er fast vollständig verschwunden, kam dann abschnittsweise in den einzelnen Geschmacksrichtungen wieder. Zunächst konnte ich wieder süß schmecken, zwei Tage darauf auch schon wieder sauer. Kurz danach kehrte auch der bittere Geschmack wieder, nach fast zehn Tagen machte Salz den Abschluss. In den folgenden Zyklen reduzierte sich die Geschmacksempfindung wieder deutlich, erreichte aber niemals das Niveau des Geschmacksverlustes im ersten Zyklus. Die Übelkeit und Appetitlosigkeit ließen etwa 3-5 Tage nach der letzten intravenösen Gabe im Zyklus wieder nach. Etwa zehn Tage nach der letzten Gabe hatte ich dann auch wieder Freude am Essen.

Zu den nicht sofort spürbaren, aber dafür besonders unangenehmen Nebeneffekten gehörte die Veränderung im Blutbild. Durch die Wirkung der Zytostatika sanken die Werte der Thrombozyten, Leukozyten und des Hämoglobin ab. Die Leukozyten fielen dabei am schnellsten. Bereits im ersten Zyklus lief ich in eine sogenannte Aplasie. Das eigene Immunsystem ist in diesem Zustand fast nicht mehr vorhanden. Bereits ein kurzer, vorsichtiger Spaziergang führte in meinem Fall zu einem bakteriellen Infekt, der in fünf zusätzlichen Tagen stationärer Behandlung im Spital durch intravenöse Gabe von Antibiotika wieder kuriert wurde. Zwar wurde die Produktion von Leukozyten (das sind die weißen Blutkörperchen) zusätzlich durch medikamentöse Gabe von sogenannten G-CSF, in meinem Fall Ratiograstim, angeregt. Das Medikament injizierte ich mir subkutan. Einige Tage nach der intravenösen Gabe im Spital beginnend, waren 4-5 Injektionen im Abstand von 2-3 Tagen zu verabreichen. Jedoch gab es in jedem Zyklus einige Tage, an denen ich besonders anfällig war. Nach dem Lerneffekt des ersten Zyklus vermied ich es in diesen Zeitbereichen, auch wenn ich daheim war, die Wohnung zu verlassen, oder Besuch zu empfangen. Mit fortschreitender Therapie sank auch der Wert des Hämoglobins ab. Auch hier konnte durch die Gabe eines Medikaments, in meinem Fall Retacrit, der Nebenwirkung entgegengewirkt werden. Hier war nur eine subkutane Injektion pro Woche erforderlich, dies zog sich aber über fast die gesamte restliche Therapie. Gegen die Reduktion der Thrombozyten gibt es leider noch keine medikamentöse Behandlung. Hier war es aufgrund des niedrigen Wertes einmal erforderlich, die Folgegaben der Zytostatika etwas zu verzögern.

Bereits mit dem Beginn der Behandlung einsetzend, und mich noch deutlich über das Behandlungsende hinaus begleitend war ein deutlicher Rückgang meiner Leistungsfähigkeit. Speziell während der Chemotherapie hatte ich immer wieder Phasen, in denen ich sehr müde war, und auch viel Schlaf benötigte. Darüber hinaus war auch das Zurücklegen von Strecken aus eigener Kraft stark limitiert. Am tiefsten Punkt waren über den ganzen Tag verteilt in Summe nicht mehr als 2 km Wegstrecke möglich. In der zweiten Hälfte der Behandlung, als die Gaben nur noch ambulant erfolgten, waren zwischenzeitlich wieder bis zu 8 km pro Tag möglich. Der kurze Versuch, das Rad zu verwenden, bescherte mir zwei Tage mit leichtem Fieber. Es war also erforderlich, und auch gar nicht anders möglich, mich körperlich möglichst zu schonen. Dennoch nutzte ich die schönen Tage, um mich an der frischen Luft aufzuhalten, und das bisschen Bewegung, das gerade möglich war, auch zu machen. Das hat sehr stark dazu beigetragen, mein Wohlbefinden insgesamt zu steigern, und das Gefühl des Eingesperrtseins zu verringern.

Drei Wochen nach Therapiebeginn setzte der Haarausfall ein. Haarwuchs und Bartwuchs blieben bis auf einen leichten Flaum über die gesamte restliche Behandlung aus. Etwa zwei Wochen nach Behandlungsende begann aber wieder ein mehrwöchiger Prozess der Normalisierung. Auch die Fingernägel wurden brüchiger, zeigten weiße Verfärbungen und Querrillen. Hier dauert es bis zum momentanen Zeitpunkt an, dass diese Spuren heraus wachsen.

In der zweiten Hälfte der Behandlungszeit setzte eine sogenannte Polyneuropathie ein. Das ist die medizinische Bezeichnung dafür, dass die Nerven in den Extremitäten in Mitleidenschaft gezogen werden. Dies äußert sich durch ein Gefühl des Kribbelns. In meinem Fall trat es in beiden Händen auf. Zunächst begann es in den Fingerspitzen, und breitete sich über die Wochen dann immer mehr in Richtung Handfläche aus. Damit einher ging eine Schwächung der Feinmotorik. Ich musste wesentlich bewusster beim Greifen und Anfassen von Dingen agieren. Das Kribbeln begann zwei Wochen nach der letzten intravenösen Gabe langsam zurückzugehen, und bildete sich in meinem Fall im Laufe von etwa zwei Monaten nach der Chemotherapie gänzlich wieder zurück. Dies wurde auch durch die Ergotherapie auf der onkologischen Reha unterstützt.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass die Chemotherapie von einer Reihe durchaus unangenehme Nebenwirkungen begleitet wird. Das ist zwar während der Therapie nicht angenehm, und manche der Nebenwirkungen sind auch nach außen offensichtlich, dennoch sind sie ein verhältnismäßig kleiner Preis für die Aussicht, nach der Therapie wieder ein normales Leben führen zu können und die Krankheit erfolgreich zu überwinden. Auch kann durch medikamentöse Unterstützung und angepasstes Verhalten eine Reduktion der Intensität der Nebenwirkungen erreicht werden.